Das Land der tausend Türme und Gletschern, das Land der Hundertjährigen, das letzte Mittelalter Europas - sind die poetischen und zutreffenden Bezeichnungen, die dem oberen Swanetien, einem Hochgebirgsregion im Nord-Westen Georgiens, schon mal gegeben wurden. Von zerklüfteten Kaukasischen Bergketten in einem schmalen Tal des temperamentvollen Flusses Inguri eingeschlossen, in jahrhunderte langer Isolation blieb ein Kulturinsel erhalten, deren Wurzeln, vermutlich, zu Sumerern zurückzuführen wären.

Auf dem kargen Land, das ein halbes Jahr lang mit Schnee bedeckt ist und im Sommer von der Sonne verbrannt wird, in befestigten Dörfern, über die die stolzen jahrtausend alten Wehrtürme wachen, vom entbehrungsreichen Alltag abgehärtet, leben die Swanen. Ein Volk, mit einer Sprache ohne Schrift vereint, das noch den antiken Griechen bekannt war. Strabon, der altgriechische Geograf, schrieb vor 2000 Jahren: "Die Soanen, die Bewohner der Kaukasischen Höhen, herrschen über alle Nachbarvölker und sind, vermutlich, die tapfersten und kühnsten überhaupt. Sie haben einen König und einen Rat aus 300 Gesandten und können ein Heer aus 200 000 Krieger bereitstellen..."

Ab dem 6. Jahrhundert begann in Swanetien die Christianisierung. Im 11.J.H. wurden die mehreren kleinen Königreiche auf dem georgischen Gebiet vom König David II "dem Erbauer" vereint. Das Georgische Königreich, dem auch Swanetien als Fürstentum angegliedert war, erlebte sein "Goldenes Zeitalter". Swanetien entwickelte sich zu einem der wichtigsten Handwerks- und Kulturzentren des blühenden Georgiens. Die sagenumwobene und nach Ihrem Tod heilig gesprochene Königin Tamar (reg. 1184-1213, Tochter von David II) sicherte ihrem Land endgültig die Vormachtposition zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meeren. Die Generäle für ihren siegreichen Heer und ihre persönliche Leibgarde suchte sie, den Sagen nach, ausschließlich unter Swanen und residierte oft in deren Heimat.

Als im 15. Jahrhundert das vereinigte Georgische Königreich zerfiel, konnte auch Swanetien seine territoriale Ganzheit nicht bewahren. Die vier Tausend Meter hohe vergletscherte Swanische Bergkette wurde zu einer natürlichen Grenze zwischen zwei Einflussgebieten (was auch für heutige administrative Aufteilung Swanetiens Grundlage wurde). Das Kwemo (untere) Swaneti auf Südhängen der Swanischen Bergkette, im Tal des Flusses Zchenitzchali geriet unter Einfluss von migrelischen und kolchischen Nachbar-Fürsten. Im Zemo (oberen) Swaneti im Norden, von der über fünf Tausend Meter hohen Großkaukasischen Bergkette und der Swanischen Bergkette umschlossen, versuchte der Fürstenklan Dadeschkeliani sich zu behaupten. Doch im östlichen Teil stießen die Fürsten auf einen harten Widerstand. Ubatono - "ohne Herrscher" - das freie Swaneti erstreckte sich vom Bergkamm Bali bis zu den Ursprüngen des Inguris in den Gletschern von Schkhara. Von Latali bis Uschguli verteidigte das stolze und eigenwillige Bergvolk seine Selbstbestimmung und pflegte bis in die heutige Zeit seine archaische Sippenordnung.

Und weder Chasaren noch Araber, Perser oder Mongolische Horden, die im Laufe der Geschichte auf dem Georgischen Gebiet ständig um Einfluss wetteiferten und das Land systematisch im Blut ertränkten und entvölkerten, haben es je geschafft, nach Oberswanetien einzudringen. Die furchtlosen swanischen Krieger haben es gewusst, ihre natürliche Festung zu verteidigen. Bis zur militärischen Invasion der russischen Armee Ende des 19. Jahrhunderts sind sie noch nie unter einer fremden Herrschaft gewesen!

Bis zum Zerfall von Sowjetunion, dessen Teilrepublik Georgien von 1921 bis 1991 war, galt das kleine Land sicher als europäisch. Georgien ist kulturell wie politisch tief mit Europa verbunden, die Georgier selbst sind in ihren Wertevorstellungen auch überzeugte Europäer. In den letzten Jahren gibt es aber Tendenzen, ihr Land als nord-westliche Spitze Vorderasiens zu betrachten. Der Begriff "Balkon Europas" hat sich in Georgien mittlerweile etabliert, um die Bindung des Landes an Europa zu festigen.

Das obere Swaneti kann dabei auch als das "Dach Europas" genannt werden. Zwei Drittel der Dorfgemeinden liegen in der Höhe über 1500 Meter. Einige - über 2000 Meter. Uschguli, das märchenhafte Dorf auf 2200 Meter über dem Meeresspiegel, gilt als die höchstliegende dauerhaft bewohnte Menschensiedlung Europas. Es gibt auch keine Kirche auf dem europäischen Kontinent, die höher gelegen wäre als die knapp 2500 Meter hoch liegende Limcheri Kirche über dem Dorf Latali.

Die einzigartige Architektur des oberen Swaneti wurde wegen ihres authentischen und unberührten mittelalterlichen Charakters 1996 von UNESCO zur Weltkulturerbe erklärt.

   
 
   
   
   
         

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Max Gorshkov, der Fotograf. Projekte: Zemo Svaneti (das obere Svanetien, Kaukasus, Georgien), "Hidden from Time" (Pskov, Russland). Andere Portfolios: People und Hochzeitsfotografie.